Die Selbstzerstörung des Christentums überwinden! Von Prof. Dr. Dr. Georg Huntemann

Selbstzerstörung des Christentums beginnt mit dem Ungehorsam gegenüber dem Worte Gottes. Ein bedeutender Kirchenmann schrieb unlängst in aller Offenheit über die Bedeutung der Bibel im evangelischen kirchlichen Christentum heute: „Aus einem Buch mit offenbarter Lehre wurde eine Bibliothek menschlicher Schriften mit zeitgebundenen, sich wandelnden und kontrastierenden Aussagen.“ Die Bibel sei für den nachdenklichen und mündigen Christen von heute eben zeitgebunden und widerspruchsvoll. Ich frage, warum liegt sie dann noch auf dem Altar? Warum berufen wir uns dann noch auf sie?

Ein sehr bedeutender und aktueller Mann der Kirche, hoch angesehen, namens Günter Kegel, meint, dass man das Schriftprinzip, nach dem die Kirche in allem, was sie lehrt, sich auf die Bibel berufen müsse, abgeschafft werden sollte. Er meint, damit entfalle der Zwang, zu einer Maskerade der Interpretation zu greifen. Auch eine Mitte der Schrift, von der aus man die übrigen weniger bedeutsamen Partien der Bibel interpretieren könne, gebe es im Grunde nicht (obgleich alle Kirchenleute und Theologen davon reden).

Und nun kommt das Schockierende: Würde man von der Unfehlbarkeit der Bibel ausgehen, so folgert dieser rheinische Theologe, dann wäre „die ganze akademische Theologenschaft eine einzige Bande von Irrlehrern“. Und wenn man heute konsequent aufgrund der Aussagen von Bibel und Bekenntnis Lehrzuchtverfahren durchführen würde, dann würde dieses Verfahren „zum Gerichtsurteil über weite Teile der deutschen Theologieprofessorenschaft werden“. Das sagt ein in kirchlichen Kreisen hoch angesehener Theologe. Ich wiederhole, das habe nicht ich, das hat ein Mann der Kirche gesagt.

Wenn wir das zusammenfassen, dann lebt also eine ganze „Bande“ von Theologen außerhalb der in den Landeskirchen geltenden Legalität, widerspricht den Inhalten der Bibel und den verpflichtenden kirchlichen Bekenntnissen und müsste eigentlich rechtens durch Lehrzuchtverfahren außer Amt gesetzt werden. Aber man tut es nicht. Es sind ja schon zu viele, was bleibt da noch übrig? Wer will da noch der Behauptung entgegentreten, dass dem Christentum in den Evangelischen Landeskirchen die Selbstzerstörung droht. Sollte es denn unmöglich sein, hier von einem Verrat des Christentums, eben von einer verratenen Religion zu reden? Ist in der Kirche alles möglich? Kann alles geglaubt, gepredigt, bekannt und auch getan werden? Werden keine Grenzen mehr gesetzt?

Wir müssen jetzt etwas mehr in die Tiefe gehen, wir können ja nicht nur schimpfen. Welcher Grundsatz evangelischen Christentums ist hier brutal zerstört worden? Ein reformatorisches Kernanliegen war unbestreitbar: dass Christenmenschen keine andere Autorität, ob Papst oder Konzil, anerkennen dürfen, die sich über das Wort Gottes stellt. Es war doch gerade diese Bindung des Gewissens an Gottes Wort, die Luther jenen Urschrei von dem Reichstag in Worms am 18. April 1521 ausstoßen ließ. Es ging doch darum, dass eben nicht Päpste oder Konzilien oder Synoden oder Pröpste oder Bischöfe oder Theologieprofessoren oder Oberkirchenräte oder Oberlandeskirchenräte oder Landeskirchenräte oder Landessuperintendenten oder Superintendenten bestimmen können, wie das Wort Gottes ausgelegt wird. Richtlinien mit dem Umgang der biblischen Wahrheit können eben nicht von irgendwelchen Institutionen oder Ämtern aufgestellt werden. Das ist ein reformatorischer Grundsatz.

Und ich frage nun auch im Blick auf das, was Lothar Gassmann und anderen widerfuhr: Wo bleiben jene 1934 gegen die NS-Ideologie formulierten Sätze von Barmen, in denen es heißt: „Wir verwerfen die falsche Lehre, als könne und müsse die Kirche als Quelle ihrer Verkündigung außer und neben diesem einen Wort Gottes auch noch andere Ereignisse und Mächte, Gestalten und Wahrheiten als Gottes Offenbarung anerkennen. Wir verwerfen die falsche Lehre, als dürfe die Kirche die Gestalt ihrer Botschaft und ihrer Ordnung ihrem Belieben unter dem Wechsel der jeweils herrschenden weltanschaulichen und politischen Überzeugung überlassen. Und wir verwerfen die falsche Lehre, als könne und dürfe sich die Kirche abseits von diesem Dienst besondere mit Herrschaftsbefugnissen ausgestattete Führer geben oder geben lassen.“

So ist eigentlich alles schon einmal gesagt, was gesagt wurde. Und was fehlt? Es fehlt bei uns angesichts grassierender Selbstzerstörung und Entchristlichung in Deutschland und in Europa der Widerstandskampf. Wir widerstehen, ja, wir hier schon. Wir widerstehen, sonst wären wir nicht hierhergekommen. Aber es gibt auch viele, die sich evangelikal nennen und sich für sehr fromm halten, die aber nicht widerstehen. Denen widme ich im Allgemeinen meine ganz besondere Aufmerksamkeit.

Die Geschichte des Christentums ist die Geschichte der Konfrontation mit dem Widerstand der Welt und dem Abfall von der Wahrheit in der Kirche. Mose kämpfte gegen und für sein Volk. Er kämpfte nicht nur gegen den Pharao für den Exodus aus Ägypten, sondern zerschmetterte auch das goldene Kalb, das ein halsstarriges Volk als sichtbaren Götzen betasten, anbeten und vor sich hertragen wollte. Die Propheten Israels streiten nicht mit selbstgewählten, sondern geoffenbarten Worten um Gottes Ehre und seine Gerechtigkeit. Die Propheten drohen Gerichte und Züchtigungen an, durch die vor allem der frevlerische Hochmut gebrochen werden soll, auch der frevlerische Hochmut der sogenannten Frommen, die nicht kämpfen. Die Propheten sind keine Erfüllungsgehilfen einer nach Ruhe trachtenden Bedürfnisreligiösität. Sie verkaufen keine Träume und Illusionen, sondern kämpfen gegen eine Religiösität, die das Wort Gottes vergessen machen will. Und im Neuen Testament sehen wir Jesus im Kampf gegen die pharisäische und priesterliche Frömmigkeit stehen. Er entlarvt die Heuchelei der Pharisäer und reinigt mit Gewalt den Tempel.

Halten wir den Frommen, die nicht kämpfen wollen, dieses vor Augen und vor Ohren: Jesus bekennt offen, dass er nicht gekommen sei, um Frieden zu bringen, sondern den Kampf und das Schwert. Und dass seinetwegen bis in die Familie hinein der Kampf zwischen Lüge und Wahrheit entbrennen werde (vgl. Mt. 10,34). Und der Apostel Paulus weiß es und hat es eindeutig erfahren, dass die gute Botschaft von Jesus, dem Christus, nicht ohne Kampf zu verkündigen ist. Er spricht vom „guten Kampf des Glaubens“ (1. Tim. 6,12). Und Paulus weiß auch, dass er letztlich nicht mit Fleisch und Blut, sondern mit den letzten Konsequenzen, mit dem Bösen selbst zu kämpfen hat. Und er bittet die Gemeinde darum, dass sie ihm in diesem verordneten Kampf mit ihrem Gebet zur Seite steht. Im Evangelium nach Johannes lesen wir, dass das Licht in die Finsternis scheint, aber dass die Finsternis es nicht überwältigen kann (Joh. 1,4f). Diese heute von modernen Theologen so verneinte Polarität von Himmel und Hölle, Licht und Finsternis, Gnade und Gericht, ist das Charakteristikum des biblischen Glaubens von Mose bis Jesus und bis Paulus. Und aus dieser Polarität entsteht immer wieder der Kampf, solange diese Welt besteht.

Und nun möchte ich ganz persönlich aus der Tiefe meines Herzens bekennen: Evangelisten oder Pfarrer, die in der Kirche, im Missionsfeld oder im Betsaal den Versammelten Gott als den „Weihnachtsmann der Welt“, als eine Idylle, und Jesus als einen „metaphysischen Osterhasen“ verkaufen, reden an der christlichen Wahrheit vorbei. Immer lächelnde evangelikale Publikumsstars, die in einer Art Bedürfnisreligiösität aus Gott eine Projektionswand allzu menschlicher Bedürfnisse nach egoistischer Selbstverwirklichung machen, die Konfrontation mit der Selbstzerstörung des Christentums aber grundsätzlich vermeiden, weil sie ihre religiöse Kundschaft bei der Stange halten wollen, reden nicht nur am Christentum vorbei – sie umgehen die Wahrheit vom Kreuz und den Schmerz der Wiedergeburt. Sie können gar nicht überwinden.

Warum können sie nicht überwinden? Weil sie nicht verwundet sind. Nur wer durch die Selbstzerstörung des Christentums innerlich zutiefst verwundet ist, kann noch überwinden und wird überwinden. Die elektronisch verstärkten Sunnyboys unter den Evangelisten sollten sich aus den 95 Thesen Luthers von 1517 besonders diese merken: „Mögen also alle die Propheten verschwinden, die da sagen zu der Gemeinde Christi ‘Friede, Friede und ist doch kein Friede’. Den Propheten aber müsse allein es wohlgehen, die da sagen zur Gemeinde Christi ‘Kreuz, Kreuz und ist doch kein Kreuz’. Man soll die Christen vermahnen, dass sie ihrem Haupte Christus durch Kreuz, Tod und Hölle nachzufolgen sich befleißigen und sich mehr darauf verlassen, durch Trübsal ins Himmelreich einzugehen, als im sorglosen Wahn, es sei Friede“ (Thesen 92 bis 95). Es geht um das Zeugnis und nicht darum, dass wir durch „Glattstellungen“, wie es der Christentumskritiker Franz Bubel einmal ausgedrückt hat, „everybodys darling“ werden wollen.

Was meint diese Konfrontation ganz konkret, ganz praktisch im Sinne des Neuen Testamentes und der Reformatoren? Zunächst einmal ist es ein Gerede, von mündigen Christen zu sprechen, solange es keine mündigen Gemeinden gibt, die selbst ihre Pastoren wählen, aber auch abwählen, und ihre Gottesdienste und deren Ordnung in sich selbst beschließen (ohne dass eine Zentralbehörde von Kirchenbeamten dazwischenkommt). Luther wollte im Grunde die selbständige Gemeinde, die ihre Pastoren selbst wählt und die Lehre prüft. Und die Calvinisten haben dieses Uranliegen noch weiter entfaltet und verwirklicht. Man ist auch heute noch einmal daran erinnert, was auf der Bekenntnissynode in Emden am 4. Oktober 1571 von der unter dem Kreuz stehenden und in Deutschland und in Ostfriesland verstreut liegenden reformierten Kirche beschlossen wurde:

„Keine Gemeinde darf über die andere Gemeinde das Primat oder die Herrschaft an sich reißen, kein Prediger über die anderen Prediger, kein Ältester über die übrigen Ältesten, kein Diakon über die Diakone. Jede und jeder hat sich sorgfältig vor dem Verdacht solcher Anmaßung und vor dem Versuch, sich das Regiment anzueignen, zu hüten.“ Und im ersten Artikel heißt es dann, Absatz 16: „Die Diener am Wort werden von denen geprüft, von denen sie gewählt werden. Wird ihre Lehre und ihr Leben gebilligt, so werden sie mit feierlichem Gebet und Auflegung der Hände in ihrem Dienst bestätigt.“

Aber von dieser Wirklichkeit sind wir weit entfernt. Die Evangelischen Landeskirchen in Deutschland sind mehr oder weniger von oben gesteuerte Landeskirchen, in denen nicht die Gemeinden, sondern höhere Beamte das entscheidende Sagen haben. Es wird daran zu erinnern sein, welch traurige Erfahrungen die Evangelische Kirche sowohl unter dem Nationalsozialismus als auch unter dem realen Sozialismus mit diesen Typen von Hierarchien gemacht hat. Diese haben sich gerade gegenüber den Obrigkeiten um der Erhaltung des Ganzen willen eher als Ohnmachtsstrukturen erwiesen. Und es ist für mich ein trauriges Symbol, wenn Kirchenführer das Kreuz auf der Brust tragen, statt es zu schultern.

Überwindung der Selbstzerstörung heißt also konkret: Die Konzentration aus dem Ursprung des Evangeliums gebietet, dieses System, das landeskirchliche System, in dem wir heute leben, muss nach dem Motto „Alle Macht den Gemeinden“ aufgebrochen werden. In den Gemeinden und nur hier konzentriert sich der Leib Christi als bruderschaftliche Gemeinde. Da kämpfen wir für die Freiheit, damit sich die Wahrheit Bahn brechen kann. Aber mit diesem Kampf zur Überwindung der Selbstzerstörung ist es natürlich nicht getan. Das wäre nur ein Kampf gegen die Strukturen. Es geht um etwas anderes, um etwas Wesentlicheres.

Weder Jesus noch die Urgemeinde haben je gedacht, geglaubt oder behauptet, dass diese bestehende Welt so geschaffen sei, dass sie sich auf eine Welt des Friedens, der Gerechtigkeit und Bewahrung der Schöpfung hinbewegen würde. Man kann noch schärfer formulieren und in völliger Übereinstimmung mit den Schriften des Neuen Testamentes behaupten, dass Jesus und die Urgemeinde an den Sinn dieser Welt und des Lebens auf dieser Welt nicht geglaubt haben. Eine Sinnerfüllung im Diesseits bleibt für Jesus und die Urgemeinde ausgeschlossen. Sigmund Freud, der atheistische Psychologe, hat es in seinen Worten einmal so ausgedrückt: „Es ist nicht vorgesehen, dass der Mensch auf dieser Welt glücklich wird.“ Er hat Recht. Die Erfüllung unseres Lebens erfahren wir im Jenseits unseres Lebens.

Aber gerade dieses, dass einmal ein neuer Himmel und eine neue Erde kommen, genau das wird von der modernen Theologie und von den modernen Pastoren energisch bestritten. Wir sollen ja an die Mutter Erde glauben. Die Mutter Erde ist ja das Letzte. Die Erde selbst ist Gott. Da ist kein Gott mehr im Himmel, sondern die Erde selbst ist Gott. Das ist die Aussage, die letzte Aussage, die die moderne Theologie in der Umkehrung, in der Verfälschung der christlichen Botschaft, uns zu vermitteln hat.

Inhalt der Verkündigung Jesu dagegen ist das Reich Gottes, das sich nicht in dieser Geschichte, nicht in dieser Welt entwickelt, sondern durch einen totalen Bruch auf dem Tiefpunkt dieser Welt anbrechen wird, wenn Jesus wiederkommt. Jesus und die Gemeinde glaubten an einen neuen Himmel und eine neue Erde, in welcher Friede und Gerechtigkeit in einer neuen Schöpfung wohnen. Die urchristliche Gemeinde lebte in der Hoffnung und Gewissheit, dass sie hier keine bleibende Stadt hat, sondern auf eine zukünftige Herrlichkeit hoffen dürfe. Diese Welt war für sie in jeder Weise nicht das Letzte und Endgültige, sondern nur, wie Bonhoeffer es formulierte, das Vorletzte und Vorläufige. Diese Endzeiterwartung der urchristlichen Gemeinde steht so sehr im Zentrum ihres Glaubens, dass die Verneinung ihrer Enderwartung, die wir ja bei der überwiegenden Mehrheit der „Bande von Theologen“ heute finden, die Preisgabe des Christentums in seinem Wesenskern bedeutet.

Aber wir werden gefragt: Wie steht es mit der Welt, in der wir heute leben? Was meint der biblische Schöpfungsbericht eigentlich, der mit den Worten beginnt: „Am Anfang schuf Gott den Himmel und die Erde. Und die Erde war wüst und leer, Finsternis lag über dem Urmeer und ein Gottessturm schwebte über die Wasserfläche. Da sprach Gott: Es werde Licht, und es ward Licht. Gott aber sah das Licht, dass es gut war. Dann schied Gott zwischen dem Licht und der Finsternis.“ (1. Mose 1,1f)

Im Gegensatz zu der modernistischen Theologie, die diese Erde als göttliche Mutter verehren und den Himmel verneinen will, müssen wir bibeltreu und realistisch klarstellen: Die Tatsache, dass nur das Licht im beginnenden Schöpfungswerk das Prädikat „gut“ erhält, ist Ausdruck für die kosmische Bezwingung der Nacht. Am Ende der Zeit, so sagt Jesus es voraus, kommt die Nacht, da niemand mehr wirken kann (Joh. 9,4). Und der neue Himmel und die neue Erde sind dann der neue Tag einer neuen Schöpfung, in der keine Nacht mehr sein wird.

Und jetzt kommt das Entscheidende: Die Schöpfung, in der wir heute leben, steht zwischen hell und dunkel, Tag und Nacht. Die Finsternis als Macht der Zerstörung kann in diese Welt einbrechen mit Krankheit, Katastrophe und Tod. In der Heilung der von dämonischen Mächten Besessenen kämpfte Jesus gegen das satanisch Absurde in dieser Welt. Aus dieser Erfahrung kann Jesus sagen, dass er wirkt, so wie sein Vater bisher wirkt, nämlich im Kampf der Schöpfung für die Überwindung des Bösen, das immer wieder über diese Schöpfung herfällt. Sinn der Schöpfungsgeschichte im Alten Testament ist gar nicht die Antwort auf die Frage, woher die Welt gekommen ist. Vielmehr geht es darum aufzuzeigen, dass diese Welt, die in ihrem Bestand unausgesetzt durch das „Meer“, durch die Chaosmacht bedroht ist, von Gott erhalten und bewahrt wird.

In gewaltigen Bildern wird in der Bibel aufgezeigt, dass diese Welt keine paradiesische Welt ist, dass diese Welt nicht die Mutter Erde ist, dass wir in dieser Welt nicht die Sinnerfüllung finden, sondern dass wir in dieser Welt kämpfen müssen auf der Seite des Lichtes gegen die Chaosmacht des Bösen, dass wir immer wieder verwundet werden und immer wieder überwinden müssen. Und dass wir daran glauben, dass ein Gott im Himmel ist, losgelöst von dieser Erde, über dieser Erde stehend. Und die Katastrophe, die sinnhafte, unsinnhafte Katastrophe der modernen Theologie besteht darin, dass sie dieser Erde, diesem Leben, dieser Gesellschaft einen Sinn beimessen will, den die Bibel ihr nicht beimessen kann. Das ist das Entscheidende. Man will den Himmel auf die Erde holen.

Der in der Bibel offenbar gewordene Gott ist aber – ganz im Gegensatz zu den Göttern rings um das alttestamentliche Gottesvolk herum – nicht dieser Erde verhaftet. Er ist kein Erdgott. Der Welten, der Ewigkeit, der Zeiten ist ER der Herr. Weil Gott die Zeiten aller Zeiten beherrscht, nennt ihn Jesaja auch „den Ersten und den Letzten“ (Jes. 41,4). Noch einmal: Darum ist es eine radikale Perversion der Bibel, wenn die ehemalige Bischöfin von Hamburg, Frau Maria Jepsen, fordert: „Seid der Erde untertan“. Das ist die entsetzlichste Herausforderung des Christentums, die man sich vorstellen kann. Wir sind nicht der Erde untertan, sondern wir sind dem allmächtigen Gott im Himmel untertan, der uns die Kraft gibt, auf dieser Erde immer wieder die Wunden zu überwinden, die uns die Erde schlägt.

Die Verweltlichung ist der Urgrund aller Irrlehre. Diese Welt – und das wollen die modernen Theologen in dieser degenerierten, lustbetonten Zivilisation nicht wahrhaben – steht im Schatten des Bösen. Darum hören wir den Satz: „Gebirge schmelzen, Täler spalten sich, der Himmel bebt, die Erde erschreckt, Berge beben und Hügel wanken, die Sterne verblassen, Sonne und Mond verfinstern sich“ (2. Petr. 3,10). Hier geht es nicht um überholte mythologische Bilder, sondern um die Erkenntnis, dass auf dieser Welt das Leben des Menschen ungesichert ist, dass es aber auch einbezogen ist in die Geborgenheit Gottes. Wir leben in einem Kampf. Von daher versteht sich der Sinn der prophetischen Sprache: „Denn es sollen wohl Berge weichen und Hügel hinfallen, aber meine Gnade soll nicht von dir weichen, und der Bund meines Friedens soll nicht hinfallen, spricht der Herr, dein Erbarmer“ (Jes. 54,10).

Wo finden wir noch Spuren dieser Frömmigkeit in der offiziell programmierten Theologie der Hierarchen? Das Volk Gottes, Israel, und die christliche Gemeinde weiß, dass wir durch dieses Leben verwundet werden und dass wir als Verwundete überwinden. Wer von „gesetzlich“ oder „zeitbedingt“ redet, der steht auf der Seite des Chaos und der Dämonie gegen den Gott, der das Leben und die Ordnung dieses Lebens retten will. Leben im Glauben meint nicht, dass man immer „high“ ist. Auch im Leben eines Christen gibt es Verwundete und Geschlagene, unter die Räder Gekommene wie Hiob. Grundlos kann der Mensch unter die Räder kommen, aber dann bleibt ihm wie Hiob die Gewissheit: „Ich weiß, dass mein Erlöser lebt; und als der Letzte wird er über dem Staube sich erheben“ (Hiob 19,25). Dass eben die Macht des Bösen niemals das Letzte, sondern immer nur das Vorletzte ist, das ist die Hoffnung jener, die dem Gott der Bibel nachfolgen.

Man achte auf den Realismus, der sich in dem Psalmwort spiegelt: „Wenn ich nur dich habe, so frage ich nichts nach Himmel und Erde. Wenn mir gleich Leib und Seele verschmachten, so bist du doch, Gott, allezeit meines Herzens Trost und mein Gott“ (Ps. 73,26). Dieser biblische Realismus wird zerstört von einer Theologie, die nach ihren eigenen Wünschen und Träumen und Illusionen lebt. Diese Theologie reißt uns los von dem Erlöser und Überwinder, durch den wir unser Leben überwinden. In seinem persönlichen Leben wird ein jeder, der an der Revolte Gottes gegen die Absurdität teilnimmt, in jeder Phase seines Lebens das Sinnhafte durchkämpfen müssen. Dabei ist es ganz gleichgültig, ob es um die Liebe zwischen Mann und Frau, ob es um einen politischen Auftrag, ob es um ein berufliches Ziel oder alle Möglichkeiten zwischenmenschlicher Beziehungen geht. Immer ist die Macht des Bösen im Sprung und will zerstören, was sinnvoll leben soll.

Darum ist das Leben des Glaubenden, Liebenden, Hoffenden und Bekennenden immer Kampf, der nie aufhört, solange er lebt. Und dabei wird er immer die Erfahrung machen, dass auch das Schönste, dem er in seinem Leben begegnet, immer nur das Vorletzte und niemals das Letzte ist. Er wird immer wieder erfahren und entdecken müssen, dass alles Gute, Wahre und Schöne, dem er in dieser Welt begegnet, die letzte Sinnerfüllung seines Lebens nicht bringen kann. Sie liegt nicht im Diesseits, sondern im Jenseits. Das Jenseits, das bestritten wurde von den Marxisten, von den Kommunisten, von den Nazis und von der modernen Theologie. Hier die Sinnerfüllung im Diesseits zu erwarten, den Himmel auf die Erde zu bringen, bedeutet, dass man die Hölle auf die Erde bringt. Weil wir das wissen, sind wir weder Pessimisten noch Weltverächter. Das wird uns immer wieder untergeschoben. Das ist absurd. Wir sind zwar nur Gäste und Fremdlinge auf dieser Welt, aber wir freuen uns auf dieser Welt, weil wir alle Wunden, die sie uns schlägt, überwinden. Denn wir glauben an den Mann, der am Kreuz hing und auch für uns die Welt überwunden hat.

Ich fasse jetzt in 4 Punkten das zusammen, was ich sagte:

1.) Mit den Wertungen „gesetzlich“ und „zeitbedingt“ sowie mit den wissenschaftlich ganz und gar fragwürdigen Methoden einer sogenannten historischen Kritik wird die Bibel heute selektiert und relativiert und dem Grundsatz reformatorischen Christentums, dass das biblische Wort allein Grund unseres Glaubens und Inhalt der Verkündigung und Maßstab von Gut und Böse sei, abgeschworen. Der sich daraus ergebende Prozess der Selbstzerstörung des Christentums ist so radikal, dass er in der 2000jährigen Geschichte des Christentums einmalig und tödlich ist.

2.) Die Selbstzerstörung des Christentums führt konsequenterweise zur Selbstzerstörung herkömmlicher evangelischer Kirchlichkeit. Im Gegensatz zum lutherischen und calvinistischen Verständnis der Gemeinde als Basis der Evangelischen Kirche bestimmen heute bürohierarchische und synodale Machtstrukturen und staatliche Theologenbeamte, eine einzige „Bande von Irrlehrern“ (so sagt höhnisch der moderne Theologe Günter Kegel) den Irrweg gegenwärtiger evangelischer Christlichkeit. Würden Bibel und Bekenntnis in den Landeskirchen nicht nur auf dem Papier heute noch gültiger Verfassungen stehen, sondern wirksame Geltung haben, dann würden diese Theologen (wieder nach dem Selbstzeugnis des prominenten, modernen Theologen Günter Kegel) zum „Gerichtsurteil“ über weite Teile der deutschen Theologen- und Professorenschaft werden. Stattdessen werden bibel- und bekenntnistreue Theologen einem dem reformatorischen Christentum Hohn sprechenden Gewissensdruck ausgesetzt.

3.) Das Gerede von mündigen Christen ist nur Gerede, solange es keine mündigen Gemeinden gibt, die nach Luthers ursprünglicher und nie aufgegebener Absicht ihre Pfarrer nach Schrift und Bekenntnis prüfen und diese selbst wählen oder abwählen und das geistige und geistliche Leben unabhängig von kirchlichen Machtstrukturen prägen können. Die Losung heißt darum ganz bescheiden: Freiheit für die Gemeinden, damit der Wahrheit eine Gasse gebaut wird. Und: Alle Macht den Gemeinden und Kampf den Hierarchen, die Schrift und Bekenntnis verleugnen.

4.) Der Kernprozess gegenwärtiger Selbstzerstörung des Christentums realisiert sich heute in dem träumerischen, realitätsverlorenen und wesentlich matriarchalisch motivierten Unternehmen, ohne Glauben an die Wiederkunft Christi und die Erschaffung eines neuen Himmels und einer neuen Erde im Diesseits, heute „Mutter Erde“ genannt, die letzte Erfüllung individuellen und gesellschaftlichen Daseins zu finden. Wer aber den Himmel auf die Erde holen will (das haben wir in diesem 20. Jahrhundert zur Genüge ausgekostet, gerade wir in Deutschland) bereitet der Welt eine Hölle. Dagegen lehren und bekennen bibeltreue und reformatorisch denkende Christen mit Dietrich Bonhoeffer, dass alles Glück und Unglück, alle Freude und aller Schmerz auf dieser Welt das Vorletzte, aber niemals das Letzte menschlichen Daseins sind, das erst in der Ewigkeit seine Erfüllung finden wird. Deswegen verfallen Christen nicht in Weltpessimismus, sondern leben in der frohen Zuversicht, dass sie das Vorletzte im Lichte des Letzten leben und erleben, die Freude dankbar hinnehmen und den Schmerz im Vertrauen überwinden. Eben im Vertrauen auf das Wort des Apostels: „Von ihm, durch ihn und zu ihm sind alle Dinge und ihm allein sei Ehre in Ewigkeit“ (Röm. 11,36).

Quelle: DER SCHMALE WEG Nr. 1 / 2017

 

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